F1 Türkei: Hamilton siegt und wird Weltmeister!

Lewis Hamilton ist erneut Formel-1-Weltmeister. In der Türkei fährt der Brite im Mercedes schon wieder zum Sieg. Nun steht er sportlich auf einer Stufe mit Michael Schumacher. Auch Sebastian Vettel darf sich freuen!

So ein klitzekleines bisschen ärgerte sich Sebastian Vettel sogar noch. „Vielleicht hätten wir es wagen und die Trockenreifen draufziehen sollen“, sagte der 33-Jährige und grübelte weiter. Da waren sie wieder, Vettels Ehrgeiz und Kampfeslust, aufgeweckt und wiederbelebt durch den ersten Podiumsplatz in diesem Jahr. Genauer: seit Vettels zweitem Rang am 27. Oktober 2019 auf dem Autódromo Hermanos Rodríguez in Mexiko-Stadt. „Natürlich ist es schön nach der langen Durststrecke“, kommentierte Vettel seinen dritten Rang am Sonntag bei der Formel-1-Rutschpartie in Istanbul. Der 121. Podiumsplatz seiner Karriere dürfte ungeachtet von 53 Grand-Prix-Siegen und vier Weltmeister-Titeln in die Kategorie erinnerungswürdig gehören. Im viertletzten Rennen seiner missglückten Mission bei Ferrari nutzte Vettel einen Fahrfehler seines zehn Jahre jüngeren Teamkollegen Charles Leclerc auf den letzten Metern des Großen Preises der Türkei. Kurz vor der Zielflagge schob er sich hinter den neuen Rekordweltmeister Lewis Hamilton von Mercedes und Sergio Perez von Racing Point.

Lewis Hamilton kamen schon im Cockpit die Tränen. „Für alle Kinder da draußen, die vom Unmöglichen träumen – ihr könnt es schaffen!“, sagte der alte und neue Formel-1-Weltmeister am Boxenfunk. Mit seinem siebten WM-Titel hat der Brite die bedeutendste Bestmarke von Michael Schumacher eingestellt. „Ich erinnere mich, als Michael diese ganzen Titel gewonnen hat“, sagte Hamilton: „Ich weiß, dass wir, oder besser gesagt ich, oft sage, dies geht über meine kühnsten Träume hinaus. Aber ich glaube, dass ich mein gesamtes Leben insgeheim so große Träume hatte, sie schienen nur immer in weiter Ferne zu sein. Ich erinnere mich daran, wie Michael seine Titel eingefahren hat. Wir alle geben als Fahrer unser Bestes und es ist harte Arbeit, nur einen, zwei oder gar drei Titel zu gewinnen. Sieben Mal Weltmeister zu werden, ist absolut unvorstellbar. Aber wenn man mit einer so fantastischen Truppe an Menschen zusammenarbeitet, miteinander kommuniziert, sich gegenseitig vertraut und zuhört, ist kein Ende in Sicht, was wir, dieses Team und ich, gemeinsam erreichen können. Ich bin sehr stolz auf das, was wir zusammen geschafft haben. Das Vertrauen, das sie heute da draußen in mich gesteckt haben, muss sich über die Zeit entwickeln. Dieses Jahr war sehr hart. Ich bin nicht weggegangen, ich war nicht zum Essen, ich bin nur in meiner Blase geblieben. Ich hatte jeden Tag Zimmerservice und nichts wirklich Spannendes. Der Grund dafür ist, dass ich um einen Titel gekämpft habe. Ich glaube, dass ich in diesem Jahr mehr Opfer als jemals zuvor in meinem Leben erbracht habe. Das war richtig schwierig. Wenn ich dann solche Momente erlebe, möchte ich darauf warten, bis ich von meiner Familie umgeben bin und mit meinen Freunden zusammen sein kann, weil ich möchte diese Erinnerungen mit ihnen teilen. Ich bin sehr stolz auf das heutige Rennen. Ich habe mich an Augenblicke erinnert, in denen es in der Vergangenheit schiefgegangen ist, etwa in China 2007, als ich den Titel auf abgefahrenen Reifen in der Boxengasse verloren habe. Alle diese Dinge habe ich im Laufe der Zeit gelernt und heute konnte ich sie umsetzen. Das ist der Grund, warum wir heute dieses Ergebnis und diesen Abstand gesehen haben. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es gerade erst losgeht. Das ist richtig seltsam. Ich fühle mich körperlich in toller Verfassung und mental war dieses Jahr für viele Menschen, für Millionen von Menschen, das härteste. Ich weiß, dass es hier immer toll aussieht, auf der großen Bühne, aber es ist für uns Athleten nicht anders. Es war eine Herausforderung, von der ich nicht wusste, wie ich sie meistern sollte. Aber mit der Hilfe der großartigen Menschen um mich herum, mit der Hilfe meines Teams, von Team LH, habe ich mich über Wasser gehalten und bin konzentriert geblieben. Ich hoffe, dass wir alle nächstes Jahr ein besseres Jahr erleben werden. Ich würde liebend gerne bleiben, ich habe das Gefühl, dass hier noch viel Arbeit vor uns liegt. Ich arbeite hart daran, dass wir uns als Sport selbst in die Verantwortung nehmen, damit wir bemerken, dass wir die Menschenrechts-Themen, die in den Ländern existieren, in denen wir antreten, nicht ignorieren dürfen, sondern uns ihnen stellen müssen. Es geht darum, wie wir mit diesen Ländern sprechen und sie stärken können, um sich zu verändern, und das nicht erst in 10 oder 20 Jahren, sondern schon jetzt. Ich möchte der Formel 1 und auch Mercedes auf dem Weg helfen, noch nachhaltiger zu werden. Ich hoffe, dass ich zumindest in der Anfangsphase noch ein bisschen länger ein Teil des Ganzen sein werde!“

Als Erster kniete sich der Überraschungsdritte Sebastian Vettel neben den schwarz lackierten Silberpfeil und gratulierte dem in sich versunkenen Hamilton. „Seine Erfolge werden lange Zeit stehen. Das ist bewundernswert“, sagte Vettel. Hamilton brauchte ein paar Minuten, ehe die Freude über die famose Fahrt zum Titelrekord aus ihm heraussprudelte. Er nahm den Helm vom Kopf, stieg aus seinem Wagen und rannte in die Arme seiner überglücklichen Mercedes-Crew.

Im Rutsch- und Regenchaos von Istanbul schaffte Hamilton am Sonntag seinen zehnten Saisonsieg und raste unter schwersten Bedingungen zum nächsten Meilenstein seiner außergewöhnlichen Karriere. Der 35-Jährige verdrängte den Mexikaner Sergio Perez im Racing Point und Ex-Champion Vettel im Ferrari nach einer Aufholjagd auf die Plätze zwei und drei. „Ich hätte es nicht besser machen können“, funkte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff an seinen Star-Piloten.

Nach dem viertletzten Saisonrennen ist Hamilton nicht mehr von der Spitze zu verdrängen. Er hat 307 WM-Punkte und liegt uneinholbar vor seinem Stallrivalen Valtteri Bottas. Der Finne hatte als 14. nichts mit dem Kampf um die Spitze zu tun und wurde sogar überrundet. Die Autos von Konstrukteurs-Weltmeister Mercedes kamen auf dem neuen Asphalt lange nicht zurecht. Hamilton war nur von Rang sechs gestartet, zeigte auf der besonders rutschigen und zudem noch regennassen Strecke aber einmal mehr seine ganze Klasse. Hamilton wurde im Kampf um den vierten Platz lange von Sebastian Vettel im Ferrari aufgehalten, übernahm in der 38. Runde aber erstmals die Führung und konnte diese verteidigen. Vettel konnte nach einem starken Start ebenfalls überzeugen und belohnte sich mit dem ersten Podestplatz dieser Saison. Erst zwei Kurven vor Rennende nutzte er einen Fehler von Teamkollege Charles Leclerc und feierte sein mit Abstand bestes Resultat des Jahres. Sportlich ist Hamilton spätestens jetzt ganz oben angekommen und steht statistisch auf einer Stufe mit dem bislang größten Rennfahrer der Geschichte. Es gibt keinen Zweifel daran, dass er Schumacher noch überholen kann, wenn er seine Karriere wie erwartet fortsetzt. Die Verhandlungen sollen nach dem Titelgewinn Fahrt aufnehmen, sagte Wolff vor dem Wochenende. „Wir wollen ihn im Auto und er will den Mercedes“, betonte der Österreicher. Titel Nummer acht und vielleicht noch mehr sind möglich. „Er ist mitten in seinem Schaffen und da kommt noch etwas drauf“, sagte Wolff.

Hamilton geht es aber längst um andere Dinge als nur ein schnelles Auto. Nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Krise geht sein Blick weiter. Er will das Leben der Menschen positiv beeinflussen, bringt sich aktiv im Kampf gegen Rassismus und für mehr Diversität in der Gesellschaft ein, auch der Klima- und Umweltschutz beschäftigt ihn. „Der Fahrertitel hat nicht unbedingt Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Der Versuch, die Bedingungen für Menschen auf der ganzen Welt zu verbessern – gleiche Menschenrechte zu schaffen – ist für mich das Wichtigste“, sagte Hamilton zuletzt. Bemerkenswerte Worte des überzeugten Veganers, der sich in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt hat. „Er hat sich sehr entwickelt. Als Fahrer und auch als Mensch außerhalb des Autos“, sagte Wolff. Vorbei sind die Zeiten der öffentlichen Liebeleien mit Pop-Sternchen Nicole Scherzinger, auch seinen Privatjet hat er abgegeben und nutzt seine Social-Media-Kanäle mit alleine mehr als 20,5 Millionen Followern auf Instagram nun lieber vorrangig, um auf Missstände aufmerksam zu machen, eine von ihm entworfene Mode-Kollektion oder selbst komponierte Musik zu präsentieren. Oder einfach für ein paar Videos mit seinem Hund Roscoe. Sportlich ist Hamilton seit langem der Maßstab. Er hält die Rekorde für die meisten Pole Positionen (97) und auch die meisten Grand-Prix-Siege (94). Er gewann 2008 im McLaren seinen ersten WM-Titel, 2014, 2015, 2017, 2018, 2019 und nun 2020 folgten sechs weitere im Mercedes. Die einzige Niederlage im Silberpfeil kassierte er 2016, als Nico Rosberg Champion wurde und danach seine Laufbahn beendete.

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