F1 Portugal: Hamilton der Rekordjäger!

Reifenflüsterer, Rainman, Rekordjäger: Nach dem 92. Grand-Prix-Sieg seiner Karriere ist Weltmeister Lewis Hamilton in der ewigen Bestenliste alleiniger Spitzenreiter vor dem legendären Michael Schumacher!

Auf der vermutlich schwierigsten Strecke der Formel 1 hat Lewis Hamilton mit spielerischer Leichtigkeit den nächsten Rekord geknackt. Der alte und wohl auch kommende Weltmeister feierte beim portugiesischen Grand Prix auf der tückischen Berg- und Talbahn von Portimao den 92. Sieg seiner Karriere und stieg damit in der ewigen Bestenliste zur alleinigen Nummer eins vor Rekord-Champion Michael Schumacher auf. Deutlich abgeschlagen sorgte der Finne Valtteri Bottas mit fast 26 Sekunden Rückstand auf Platz zwei für den vierten Mercedes-Doppelsieg in dieser Saison. Dritter wurde Max Verstappen im Red Bull. In der Gesamtwertung baute Hamilton mit seinem achten Sieg im zwölften Saisonrennen seine Führung auf Bottas weiter aus: Mit 256 Punkten beträgt sein Vorsprung auf den Finnen bereits 77 Zähler.

Unmittelbar nach dem Rennen sagte Hamilton: „Ich habe diese 92 Siege dem Team hier an der Rennstrecke sowie in den Werken für all ihre harte Arbeit zu verdanken. Sie treiben ständig Innovationen voran, gehen bis an die Grenzen und legen die Messlatte jedes Jahr immer höher. Es ist ein absolutes Privileg, mit diesem Team zu arbeiten und ich bin unheimlich dankbar für all diese Momente. Die Zuverlässigkeit war fantastisch, vielen Dank an das Mercedes Team, PETRONAS und alle unsere Partner, die uns immer weiter antreiben. Niemand ruht sich auf dem Erfolg aus, jeder gibt weiterhin alles. Das ist das beste Umfeld, das man sich wünschen kann: es inspiriert dich, diese Zusammenarbeit, das ist absolut einzigartig. Heute war es hart. Alles drehte sich um die Reifentemperaturen und das ist mir mit dem Setup gelungen, ich bin dem zuvorgekommen. Vor dem Rennen hieß es, dass es erst nach Rennende regnen würde, aber es gab ein paar Tropfen am Start und eingangs Kurve 7 hatte ich starkes Übersteuern und ich wusste nicht, wie es weitergehen würde. Deshalb habe ich stark zurückgesteckt. Ich hätte mich wohl gegen Valtteri verteidigen sollen, aber ich sagte zu mir selbst, dass ich später vorbeikommen würde und zum Glück ist mir das gelungen. Die Formel 1 ist ein körperlich wahnsinnig anstrengender Sport und ich hatte einen Krampf in meiner rechten Wade. Deswegen musste ich relativ oft auf der Geraden lupfen. Das war schmerzhaft, aber da musste ich durch, denn es ließ sich nicht ändern und ich konnte nicht die gesamte Runde über lupfen! In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dort zu sein, wo ich heute bin. Ich hatte keine Kristallkugel, als ich mich dazu entschlossen habe, zu diesem Team zu wechseln und mich diesen fantastischen Leuten anzuschließen. Ich kann aber versichern, dass ich jeden einzelnen Tag versuche, das Beste daraus zu machen. Wir ziehen bei allem, was wir machen, gemeinsam am selben Strang und deswegen haben wir diese Erfolge. Es ist großartig, dass heute mein Dad, meine Stiefmutter Linda und Roscoe hier sind. Ich fühle mich überglücklich und gesegnet. Es wird einige Zeit dauern, um alles zu verarbeiten. Ich habe bis zur Ziellinie alles gegeben und ich bin mental noch immer Rennmodus. Mir fehlen einfach die Worte!“

Nicht viel zu holen gab es erneut für den viermaligen Weltmeister Sebastian Vettel im Ferrari. Der 33-Jährige nahm als Zehnter immerhin einen WM-Punkt mit, landete aber wieder deutlich hinter seinem viertplatzierten Teamkollegen Charles Leclerc. „Im Moment sehe ich gar kein Land gegen Charles“, hatte Vettel schon nach dem Qualifying ernüchtert festgestellt: „Das ist ja wie eine ganz andere Klasse!“ Trotz seiner in diesem Jahr eher mäßigen Leistungen wird Vettel die Saison 2020 für die Scuderia zu Ende fahren. „Das ist überhaupt keine Diskussion“, sagte Teamchef Mattia Binotto bei Sky: „Ich bin auch sicher, dass er wieder Punkte holen wird, dann gewinnt er auch wieder das nötige Selbstvertrauen.“

Ein kurzer Regenschauer unmittelbar nach dem Start sorgte für zwei chaotische erste Runden. Hamilton, der am Start in Führung gegangen war, schonte seine Reifen und ließ sich hinter Bottas und den Spanier Carlos Sainz im McLaren auf Platz drei zurückfallen. Kurz vor dem Ende der ersten Runde übernahm Sainz sogar die Führung und überraschte mit zwei Rundenbestzeiten, ehe seine Reifen abbauten. In der sechsten Runde löste Bottas den Spanier an der Spitze ab, eine Runde später hatte er Hamilton im Nacken. Der Vorsprung schmolz in beachtlicher Geschwindigkeit, in der 20. Runde eroberte Hamilton ausgangs der Start- und Zielgeraden die Führung zurück.

Hamilton flog davon, er vergrößerte seinen Vorsprung mit einer Rundenbestzeit nach der anderen. Bottas verlor pro Runde eine Sekunde auf seinen Teamkollegen, der auf den Tag genau vor fünf Jahren mit seinem Sieg beim US-Grand-Prix in Austin/Texas den dritten seiner mittlerweile sechs WM-Titel gewonnen hatte. Cleverness, Bauchgefühl, Talent: Hamilton ist in der Vollgasbranche eine absolute Ausnahmeerscheinung. „Es ist beeindruckend, was Lewis da macht“, sagte der viermalige Weltmeister Alain Prost bei Sky: „Er hält die Motivation immer hoch, ist immer fokussiert, ich glaube, er kann noch eine ganze Menge gewinnen.“

Während Bottas über Funk mehrfach die nachlassende Qualität seiner Reifen bemängelte, hatte Hamilton auch bei immer wieder einsetzendem leichten Regen keinerlei Probleme. Erst in der 45. von 66 Runden holte er sich mit bereits zwölf Sekunden Vorsprung auf Bottas neue Reifen, kam als Spitzenreiter zurück auf die Strecke und fuhr sofort die nächste Bestzeit.

„Es ist super schwierig da draußen“, hatte der Weltmeister nach dem Qualifying noch gesagt – im Rennen hatte er dann leichtes Spiel.

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