F1 Sao Paulo: Das rote Pulverfaß explodiert!

Sebastian Vettels 100. Grand Prix für Ferrari wurde zum Desaster. Schon im Qualifying verpasste der Vierfache die Pole Position und musste sich hinter Max Verstappen anstellen. Im Rennen kam es dann zum Supergau!

„Ich bin froh in der ersten Reihe zu stehen, aber vorsichtig optimisch“, sagte Vettel zu den Siegaussichten in seinem Jubiläums-Rennen für die Scuderia. Doch der Traum vom Jubiläumssieg hielt nur 65 Runden. In der 66. von 71 Runden eskalierte die Situation zwischen den Ferrari Teamkollegen erneut. Vettel setzte zum Überholen an, dabei berührte er den Dienstwagen seines Teamkollegen Charles LeClerc. Leclerc riss es das rechte Vorderrad ab, Vettel konnte auch nicht mehr weiterfahren. Es folgten ein paar wütende Funksprüche und… „Es ist blöd für das Team, wenn beide Autos nicht die Zielflagge sehen“, sagte der übelgelaunte Deutsche nach dem Desaster in seinem 100. Grand Prix für die Scuderia. Ein klärendes Gespräch mit Leclerc werde „es irgendwann geben!“ In der Box verfolgten die Ingenieure entsetzt das turbulente Geschehen. Teamchef Mattia Binotto steht vor dem Finale in zwei Wochen in Abu Dhabi in einer für Ferrari ohnehin enttäuschenden Saison vor schwersten Aufräumarbeiten. „Was zum Teufel macht der?“, hatte Vettel noch im Auto über Leclerc geschimpft. Damit versaute Vettel seinem Kollegen eine bravouröse Aufholjagd. Nach einem Motorenwechsel ging der Monegasse nur als 14. in den vorletzten Saisonlauf. Nach zehn Runden hatte er aber schon acht Rivalen überholt. Vorne raste das Trio Verstappen, Hamilton und Vettel indes auf Sichtkontakt.

Vettel ließ sich erst in Umlauf 25 frische Reifen aufziehen, Ferrari entschied sich hier für die mittlere Mischung. Der Hesse versuchte, an Verstappen und Hamilton ranzukommen. Der Engländer beklagte derweil über Funk eine angeblich falsche Reifenwahl, Probleme mit dem Motor und Unregelmäßigkeiten in der Elektronik. Mit der Spannung war es dann erstmal wieder vorbei. Hamilton erhielt in Runde 44 bei seinem zweiten Wechsel die Medium-Gummis. Red Bull wollte kein Risiko eingehen und tauschte erneut direkt in der Runde nach dem Briten die Reifen bei Verstappen. Vettel lag nun bei einem Stopp weniger mit knapp sieben Sekunden in Front. Sein Tempo brach aber ein. 21 Runden vor dem Ende musste auch Vettel zum zweiten Mal an die Box. Bis auf Platz vier fiel der Heppenheimer dadurch zurück, rund 20 Sekunden fehlten ihm auf Spitzenmann Verstappen.

Nach einem Motorschaden bei Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas kam in der 54. Runde das Safety Car zum Einsatz. Das Feld zog sich zusammen, die Spannung stieg. Während Verstappen nun zum dritten Mal in die Garage fuhr und für die Schlussphase noch einmal frische Reifen bekam, blieb Hamilton draußen und übernahm Rang eins. Nach fünf Umläufen wurde das Rennen wieder freigegeben – und Verstappen überholte Hamilton sofort furios. Vettel verlor den Zweikampf gegen den zweiten Red-Bull-Mann Albon und fiel zurück. Fünf Runden vor Schluss dann das Drama! Im knallharten Zweikampf krachten Vettel und Leclerc zusammen. Beim Monegassen riss vorne rechts das Rad ab, der Deutsche schlitzte sich links den Hinterreifen auf. Vettel schimpfte, Leclerc wütete. Für beide war das Rennen beendet.

In einer wahnwitzigen Schlussphase sicherte sich Max Verstappen im Red Bull den Sieg. Lewis Hamilton musste sich bei der Zieldurchfahrt hinter Toro-Rosso-Mann Pierre Gasly zunächst mit Rang drei begnügen. Wegen eines regelwidrigen Überholversuchs mit Verstappens Teamkollege Alexander Albon kassierte der Mercedes-Mann später aber eine Fünf-Sekunden-Zeitstrafe und fiel damit als Siebter aus den Podesträngen. Carlos Sainz im McLaren profitierte von der Ahndung. „Ich akzeptiere das absolut“, kommentierte Hamilton die Strafe bei der Pressekonferenz für das Top-Trio, auf der er eigentlich gar nicht hätte sitzen dürfen, sondern der vorgerückte Spanier.

Den beiden Ferrari-Kutschern wurde nach dem Rennen ein Maulkorb verpasst. Weder Vettel noch Leclerc durften sich nach ihrem spektakulären Unfall in Brasilien vor der Presse äußern. Einzig Teamchef Mattia Binotto erklärte sich nach den kurzen TV-Interviews noch einmal ausführlich zu dem Fiasko der Scuderia in Sao Paulo. „Natürlich müssen wir uns jetzt zusammensetzen und gemeinsam entscheiden, wo die Grenzen liegen, um sicherzustellen, dass so etwas nicht wieder passiert“, sagte Binotto. Der 50-Jährige vermied es aber, Vettel oder Leclerc die Schuld an dem Unfall kurz vor dem Ende des Rennens zu geben. „Es ist noch nicht an der Zeit ein Fazit zu ziehen. Wir werden uns in Maranello alle Daten und Bilder noch einmal in Ruhe anschauen und analysieren“, sagte Binotto, der seinen Fahrern aber einen Rüffel mitgab: „Frei gegeneinander zu fahren heißt nicht, verrückte Sachen zu machen!“ Auf eine Teamorder hatte Ferrari in dieser Saison verzichtet.

Binotto war hinterher sehr darum bemüht, die Wogen wieder zu glätten. „Es ist immer noch ein Luxus diese beiden Fahrer zu haben, es sind zwei sehr gute Piloten“, sagte er. Gleich nach dem Rennen rief Binotto Vettel und Leclerc zu einem Gespräch zu sich und gab ihnen einen klaren Auftrag mit für die TV-Interviews: „Ich habe ihnen gesagt, dass ich hören will, dass es ihnen für das Team leid tut.“ Danach durften Vettel und Leclerc dann nichts mehr sagen. Dafür schimpfte die italienische Presse umso heftiger: ‚La Stampa‘ schrieb: „Ferrari-Katastrophe in Brasilien: Es ist nicht das erste Mal, dass Vettel und Leclerc auf der Strecke Probleme miteinander hatten. Niemals war es jedoch zu dem gekommen, was man in Interlagos gesehen hatte. Wie wird die Beziehung zwischen den beiden jetzt werden?“ Die ‚Gazetta dello Sport sparte ebenfalls nicht mit harten Worten: „Desaster bei Ferrari. Vettel und Leclerc werfen sich beide gegenseitig raus. Die Situation bei Ferrari wird immer komplizierter. In Brasilien explodierte die Situation. In den nächsten Tagen wird in unvermeidliche Diskussionen in Maranello die teaminterne Rangordnung neu definiert werden müssen.“ Die französische L’Equipe erinnerte zu Recht an den alten Enzo: „Ferrari zerstört sich selbst: Der Zusammenstoß der beiden verschlechtert die Stimmung bei den Roten. Ferrari-Gründer Enzo Ferrari hätte es nicht toleriert, wenn die Fahrer die Ansagen des Teams ignorieren. An diesem Sonntag hätte er sich im Grab umgedreht.“

Das rote Pulverfaß ist endgültig explodiert. Eigentlich kann man als Beobachter froh sein, das die Saison für Ferrari fast vorbei ist. Ein klärendes Gespräch könnte helfen, aber heilsamer wäre es, in Maranello für Vettel endlich den Nummer-Zwei-Status auszurufen!

Fotos (c) Daimler AG, Ferrari, Red Bull Content Pool