F1 Austin: König Lewis der Sechste!

Die Entscheidung ist gefallen: Lewis Hamilton ist vorzeitig wieder Formel-1-Champion. Schon zwei Rennen vor Saisonschluss ist der Mercedes-Pilot nicht mehr einzuholen. Einen bitteren Tag in Texas erlebt Sebastian Vettel!

Als sechsmaliger Weltmeister steuerte Lewis Hamilton den extra für ihn reservierten Parkplatz an, dann kletterte er mit der britischen Fahne stolz auf seinen Silberpfeil. Mit Platz zwei beim Großen Preis der USA schnappte sich der Mercedes-Superstar seine sechste WM-Krone und ist jetzt nur noch einen Titel von Michael Schumachers Rekord entfernt. „Ehrlich gesagt, sind meine Gefühle im Moment nur schwer zu beschreiben. Wolke sieben kommt nicht einmal annähernd heran, es ist sehr viel weiter oben angesiedelt“, sagte der 34-jährige. „Es war das schwierigste Jahr, an das ich mich erinnern kann. Es war eine echte Herausforderung mit Höhen und Tiefen. Deshalb überwältigen mich gerade die Emotionen. Ich bin stolz und jedem Einzelnen im Team wirklich unheimlich dankbar – allen in unseren Fabriken sowie jedem in der gesamten Daimler-Familie und bei PETRONAS. Alle haben sehr hart dafür gearbeitet, dass wir dieses Ergebnis erreichen konnten. Es ist ein echtes Privileg und eine absolute Ehre, für dieses Team zu arbeiten. Rauszugehen und die Möglichkeit zu haben, Leistungen wie die heutige zu zeigen. Ich vermisse Niki sehr. Heute hätte er seine Kappe gezogen. Ich hätte das niemals ohne Niki geschafft. Im Geiste ist er ganz sicher bei uns. Direkt nach Rennende habe ich meine Eltern gesehen und das Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters hat einfach alles gesagt. Meine Familie hat mich von Anfang an unterstützt, sie haben sehr hart dafür gearbeitet, dass ich heute hier sein kann. Ich bin froh, dass sie alle gemeinsam dabei sein konnten. Gestern war ein schwieriger Tag und ich wollte mich heute nur davon erholen und einen Doppelsieg für das Team abliefern. Valtteri hat fantastische Arbeit geleistet, herzlichen Glückwunsch auch an ihn!“

„Das ist überwältigend. Es sind so viele Emotionen“, sagte Lewis, ehe ihm auch der in Austin früh ausgeschiedene Sebastian Vettel hinter dem Podium kurz gratulierte. Den Sieg in Texas hatte Hamilton zwar seinem Teamkollegen Valtteri Bottas überlassen müssen. Bei nun 67 Punkten Vorsprung auf den Finnen aber ist der Champion in den letzten beiden Rennen uneinholbar. „Ich kann es einfach nicht glauben“, jubelte Hamilton am Boxenfunk, nachdem er die Angriffe des drittplatzierten Red-Bull-Piloten Max Verstappen auf den letzten Kilometern noch abgewehrt hatte. Für den Briten war es schon das dritte Mal, dass er in Austin vorzeitig einen Titelgewinn feiern durfte. Nur Michael Schumacher war mit sieben WM-Triumphen noch erfolgreicher als Hamilton, der den fünfmaligen Champion Juan Manuel Fangio hinter sich ließ. Zum sechsten Sieg in Texas aber reichte es für den 34-Jährigen trotz gewagter Reifenstrategie nicht, weil Bottas ihn kurz vor Schluss noch überholte. „Das ist ein schöner Sieg, es fühlt sich gut an. Riesenglückwunsch an Lewis“, sagte der 30-Jährige Finne.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff schwärmte: „Das war ein perfekter Tag. So lange Lewis ein gutes Auto hat, ist er in der Lage, auch weitere Weltmeisterschaften zu gewinnen. Ich bin unheimlich stolz auf jeden Einzelnen – was für eine fantastische Leistung! Um so ein Ergebnis erreichen zu können, bei dem ein Fahrer die Weltmeisterschaft und der andere das Rennen gewinnt, ist enorm viel Arbeit hinter den Kulissen notwendig. Vielen Dank an alle, die dazu beigetragen haben – hier an der Strecke, Zuhause in den Werken in Brackley und Brixworth, bei Daimler in Stuttgart und bei PETRONAS in Kuala Lumpur. Seinen sechsten WM-Titel zu gewinnen ist eine wirklich bemerkenswerte und besondere Leistung von Lewis. Man kann sehen, wie motiviert er noch immer ist. Er möchte jedes Rennen gewinnen und das bestmögliche Ergebnis erzielen. Hinter uns liegt kein einfaches Jahr. Wir hatten starke Konkurrenz und mussten den Verlust von Niki verkraften. Ich stelle mir vor, wie Niki jetzt von oben auf uns herabschaut und nach dem heutigen Ergebnis seine Kappe zieht. Valtteri ist ein absolut fehlerfreies Rennen gefahren. Er war das gesamte Wochenende über in einer unglaublichen Form und hat den Sieg verdient. Lewis hat sich stilvoll zurückgemeldet und eine starke Aufholjagd vom fünften auf den zweiten Platz gezeigt!“

Einen desaströsen Tag erlebte Vettel. Der Ferrari-Pilot schied bereits in der achten Runde mit einer gebrochenen Aufhängung an der Hinterachse aus. „Das ist natürlich bitter und ärgerlich“, sagte der 32-Jährige, der nun auch die Chancen auf den dritten Platz in der Fahrerwertung schwinden sieht. Nico Hülkenberg belegte im Renault Rang neun.

Schon in der Qualifikation war Hamilton-Teamgefährte Bottas am besten mit den erschwerten Bedingungen auf dem holprigen Kurs in Austin zurechtgekommen. Um die Winzigkeit von zwölf Tausendstelsekunden war der Finne bei der Zeitenjagd schneller als Vettel gewesen und durfte seinen Silberpfeil daher auf dem besten Startplatz parken. Zum ersten Mal nach zuletzt sechs Rennen in Serie holte sich damit kein Ferrari die Pole Position.

Und am 50. Geburtstag von Scuderia-Teamchef Mattia Binotto begann auch das Rennen enttäuschend. Vettel kam bei seinem 100. Start aus der ersten Reihe ganz schwach weg und wurde immer weiter durchgereicht. „Ich muss irgendwo einen Schaden haben, obwohl ich gar nichts berührt habe. Das Auto untersteuert wie verrückt“, funkte der Hesse an die Box. Nach drei Runden war Vettel nur noch Siebter und verlor enorm Zeit auf die Spitze. Auch Teamkollege Charles Leclerc konnte als Vierter nicht mit den Schnellsten mithalten. Hatte im Vorjahr noch der Finne Kimi Räikkönen in Texas im Ferrari gewonnen, waren die roten Autos diesmal im Rennen zu langsam. In Runde acht war dann Schluss für Vettel. „Ich glaube, die Aufhängung ist kaputt“, meldete der 32-Jährige und rollte mit seinem fahruntüchtigen Auto an den Rand. Auf dem Moped-Rücksitz eines Streckenpostens fuhr Vettel in den frühen Feierabend. Es war sein zweiter Ausfall des Jahres. „Es ist zu vermuten, dass schon vorher ein Knacks da war“, sagte der Heppenheimer.

Vorn behauptete zunächst Bottas Platz eins, gefolgt von Verstappen und Austin-Rekordsieger Hamilton. So kam es wieder einmal auf die bessere Taktik an. Verstappen holte sich als erster Fahrer des Spitzentrios frische Reifen, wechselte auf die härteste Gummimischung. Spitzenreiter Bottas reagierte umgehend und kam nach seinem Boxenstopp vor dem Niederländer zurück auf die Strecke. Hamilton indes setzte auf eine andere Taktik und zögerte seinen Besuch an der Garage hinaus. Doch mit den alten Reifen war der Champion deutlich langsamer als die Verfolger. In Runde 24 zog Bottas vorbei. Kurz darauf bog Hamilton an die Box ab und kehrte als Dritter zurück. Nun begann der Poker. Hamilton wollte mit einem Stopp durchkommen. Bottas und Verstappen holten sich vor dem letzten Renndrittel noch einmal frische Pneus und ordneten sich daher wieder hinter Hamilton ein. „Wir sind skeptisch, dass die Reifen bis zum Ende halten“, funkte die Box an Hamilton. „Ich will weiterfahren“, erwiderte der 34-Jährige. Verbissen kämpfte der Brite um seinen sechsten Sieg in Austin, aber Bottas kam immer näher. In Runde 52 war es soweit. Bottas zwängte sich an Hamilton vorbei, die große Titelparty seines Teamgefährten aber konnte er nicht mehr verhindern.

Fotos (c) Daimler AG