F1 Spa: Zwischen Schock und Business!

Der Große Preis von Belgien stand unter keinem guten Stern. Am Samstag Nachmittag verunglückte der Formel 2 Pilot Anthoine Hubert tödlich. Nur einen Tag später später gewann Charles LeClerc seinen ersten Grand Prix!

Premierensieg mit Trauerflor für Charles Leclerc: Der 21 Jahre alte Monegasse hat am Sonntag beim Großen Preis von Belgien seinen ersten Grand-Prix-Erfolg eingefahren. Fast genau 24 Stunden nach dem tödlichen Unfall seines ehemaligen Rennkumpels und guten Freundes Anthoine Hubert auf dem legendären Kurs in Spa-Francorchamps verzichtete Leclerc in seinem Formel-1-Ferrari auf großen Jubel. „Es ist schwer, so ein Wochenende zu genießen. Trotzdem wird ein Traum wahr“, sagte Leclerc und widmete den Erfolg Hubert: „Dieser Sieg ist für Anthoine!“ LeClerc verwies WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton im Mercedes auf den zweiten Platz, Dritter wurde dessen Stallrivale Valtteri Bottas. Für Leclercs hochdekorierten deutschen Teamkollegen Sebastian Vettel startete die zweite Saisonhälfte nach der Sommerpause mit einer weiteren schweren Enttäuschung. Denn mit der klaren Ansage an Vettel läutete Ferrari die überfällige Wachablösung im Team ein.

Der 32 Jahre alte viermalige Weltmeister verpasste nach einer wirren Reifentaktik das Podest und wurde nur Vierter. Die Siegloszeit des 52-maligen Grand-Prix-Gewinners ging also auch in den Ardennen weiter, nachdem er vor über einem Jahr in Spa seinen bis dato letzten Sieg erzielt hatte. Dass er in Belgien nach Teamorder Leclerc passieren lassen musste und praktisch als Puffer diente, dürfte dem gebürtigen Heppenheimer auch wenig gefallen haben. Vettel enttäuschte in Spa. „Schwer getan haber er sich und einfach nicht das Gefühl gefunden“, sagte der Vierfache in die TV-Kameras. Nüchtern ergänzte er: „Natürlich bin ich mit meiner Leistung nicht zufrieden. Ich war nicht in der lage, da vorne mitzumischen!“ Ferrari-Teamchef Mattia Binotto suchte ebenfalls nach Erklärungen und meinte: „Sebastian hat mehr unter dem Reifenabbau gelitten. Das ist ganz sicher auf das Set Up zurückzuführen. Vettel wurde in Spa zu Leclercs Edelhelfer, auch weil LeClerc auf einer anderen Strategie unterwegs war. Und Vettel musste den undankbaren Part einnehmen, den heranstürmenden Hamilton einzubremsen. Damit rettete er LeClerc den Sieg. Für Vettel ein schwacher Trost, denn im WM-Klassement wuchs der Rückstand auf Fünffach-Champion Hamilton weiter: Der Brite führt mit 268 Punkten. Vettel hat 99 Punkte Rückstand.

Als normales Rennen wird dieser Große Preis von Belgien nicht in Erinnerung bleiben, auch wenn die Rennfahrer die Visiere runter klappten und Gas gaben. Eine Absage hatte nicht zur Disposition gestanden. Dennoch traf der Tod Huberts auch die Stars der Motorsport-Königsklasse hart, bevor es losging versammelten sich alle Piloten zu einer Schweigeminute um einen Helm des Franzosen. Dessen Mutter und Bruder kämpften hinter Sonnenbrillen mit den Tränen. Auch die Fahrer rangen um Fassung.

Als dann aber die roten Ampeln erloschen, wurde es gleich turbulent auf dem legendären Kurs in den Ardennen – zum Glück diesmal ohne schlimmere Folgen. Pole-Mann Leclerc kam gut weg, Teamkollege Vettel wurde direkt von Hamilton attackiert, der Brite zog am Deutschen vorbei, doch Vettel konterte umgehend. Hinter der legendären Eau Rouge eroberte der 32-Jährige, der in Spa vor einem Jahr gewann, seitdem aber nicht mehr, den zweiten Platz zurück.

Soweit kam Max Verstappen erst gar nicht. Das Heimrennen für den in Belgien geborenen Niederländer war nach rund zwei Kilometern schon vorbei. Der Sieger des Österreich- und Deutschland-Rennens kollidierte mit seinem Red Bull in der ersten Kurve mit dem Alfa Romeo von Routinier Kimi Räikkönen – innen wollte sich Verstappen vorbeidrücken, es wurde aber zu eng. Beim anschließenden Mutstück durch die Eau Rouge brach die Radaufhängung, Verstappen landete in den Reifenstapeln, passiert war dem 21-Jährigen aber nichts, es war sein erster Ausfall nach 20 Rennen, in denen er mindestens immer Fünfter wurde.

Nach der Freigabe versuchte Hamilton vergeblich, noch mal an Vettel ranzukommen. Auf den langen Geraden der längsten Strecke im Rennkalender spielte die Scuderia ihre Motorenpower aus. Ganz vorn fuhr Leclerc zunächst ein souveränes Rennen. Würde der Monegasse, der bei seinen Poles in Bahrain und Spielberg erst gegen Ende von Platz eins verdrängt wurde, es diesmal schaffen? Durchaus überraschend ließ Vettel als Erster neue Reifen aufziehen, für gewöhnlich hat der besser platzierte Pilot teamintern den Vorzug. Vettel hielt so nicht nur hochgerechnet Hamilton auf Distanz, er kam auch näher an Leclerc ran, wenn dieser an die Box müsste. Es klappte: LeClerc kam ein paar Meter hinter Vettel zurück auf die Strecke. Der Nachteil: Vettel musste nun mit den Reifen deutlich länger auskommen als Leclerc und auch Hamilton, der nach der Hälfte der 44 Runden neue Reifen bekam und sich nach dem Rennen äußerte: „Es war ein sehr schwieriges Wochenende für alle in der Motorsport-Familie und ich habe Anthoine heute im Rennen in meinem Herzen getragen. Alles in allem war es ein durchwachsenes Wochenende, aber ich bin sehr glücklich darüber, dass ich erst ein ordentliches Qualifying und danach ein ordentliches Rennen gefahren bin. Natürlich möchte ich immer gewinnen, aber ich habe mein absolut Bestes gegeben. Ferrari war heute sehr stark, aber dass wir am Ende so nah dran waren, gibt uns jede Menge positive Aspekte, die wir mitnehmen können. Ich freue mich für Charles. Er hat das gesamte Wochenende über fantastische Arbeit abgeliefert. Herzlichen Glückwunsch! Wir haben viel Arbeit vor uns, wenn wir in den nächsten vier Tagen auf den Geraden auf Ferrari aufholen wollen. Aber wenn das jemand schaffen kann, dann ist es dieses Team. Hoffentlich erleben wir am nächsten Wochenende in Monza ein weiteres enges Rennen!“

Bei all den Strategien bekamen die Piloten von einem weiteren ergreifenden Moment an diesem emotionalen Wochenende in Belgien kaum etwas mit. Zu Ehren Huberts standen die Zuschauer in der 19. Runde auf und applaudierten – der tödlich verunglückte Franzose trat in der Formel 2 mit der Nummer 19 an. Der Große Preis von Belgien blieb ein Rennen zwischen Schockzustand und business as usual.

Denn im Kampf um den Sieg bei dem Klassiker schenkten sich die PS-Protagonisten nichts. Auch Leclerc konnte die Gedanken an Hubert ausschalten, die beiden fuhren als Kinder schon zusammen Rennen. Die Führung in Spa eroberte der Monegasse kampflos zurück, per Teamorder ließ Ferrari Vettel und Leclerc die Plätze tauschen. Der viermalige Weltmeister musste Platz machen, er strauchelte ohnehin bereits gehörig mit den Reifen. Er musste auch noch mal an die Box und reihte sich noch hinter Bottas auf Rang vier ein, während Leclerc den finalen Hamilton-Angriff abwehren konnte.

Fotos (c) Daimler AG, Ferrari