Belgrad 1939: Der vergessene Grand Prix!

Vor 80 Jahren startete im Kalemegdan Park von Belgrad der letzte Grand Prix der 1930er Jahre. Mit dem Stadtrennen von Belgrad endeten die großen Duelle zwischen Auto Union und Mercedes-Benz und damit auch die Karrieren einiger der größten Piloten ihrer Zeit. Für den Siegerwagen begann eine über 50 Jahre lange Odyssee!

Die Grand Prix Saison des Jahres 1939 stand von Beginn an unter dem Einfluß des heraufziehenden Zweiten Weltkrieges. Italienische Piloten durfen nicht beim Großen Preis von Frankreich starten. Traditionsrennen wie der Grand Prix von Tripolis und die Coppa Acerbo in Pescara wurden für die hubraumschwächere Voiturette-Klasse ausgeschrieben. Damit wollten die Veranstalter die Übermacht der Rennställe von Auto Union und Mercedes-Benz einbremsen. Mit dem deutschen Überfall auf Polen kam der europäischen Rennsport endgültig zum Erliegen. Der Große Preis von Donington wurde abgesagt und auch in Belgrad herrschte Anfang September 1939 Verwirrung und Konfusion, zu unübersichtlich war die politische Lage. Trotz des Kriegsausbruches begannen am 2. September die Trainingsfahrten auf dem 2,790 Kilometer langen Rundkurs nahe des Belgrader Stadtzentrums. Manfred von Brauchitsch fuhr auf seinem Mercedes-Benz W 154 die schnellste Trainingszeit. Tazio Nuvolari ging auf dem Auto Union Typ D Doppelkompresser als Zweiter in das Rennen.

Am Renntag, dem 3. September 1939, erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg. Viele Teams waren bereits aus Belgrad abgereist. Doch dem Veranstalter gelang es mit Not und unter hohem Druck, die Teams von Auto Union und Mercedes-Benz zu einem Rennen zu bewegen. Manfred von Brauchitsch war allerdings bereits verschwunden. Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer suchte verzweifelt nach seinem Piloten und erfuhr schließlich, daß sein Star zum Flugplatz gefahren war, um sich zu Rudolf Caracciola in die neutrale Schweiz abzusetzen. Jugoslawische Beamte holten von Brauchitsch aus dem Flugzeug. Planmäßig konnte der Mercedes-Rennstall an den Start gehen. Alfred Neubauer bezeichnete später diese Episode als die größte Dummheit seines Lebens.

Zwei Mercedes-Benz W 154 mit von Brauchitsch und Lang) und zwei Auto Union Typ D mit Nuvolari und Müller) nahmen das Rennen über 50 Runden auf. Einziger Nicht-Silberpfeil war der Serbe Bosko Milenkovic auf einem privat eingesetzten Bugatti Typ 51. Tazio Nuvolari gewann den letzten Grand Prix vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem Typ D Doppelkompressor vor Manfred von Brauchitsch im Silberpfeil und Hermann Paul Müller im zweiten Auto Union. Milenkovic wurde mit 19 Runden Rückstand vierter. Hermann Lang fiel in der siebzehnten Rennrunde aus. Ein Stein hatte ihm die Schutzbrille zerschlagen und das Auge verletzt. Eine offizielle Wertung des Rennens gab es nie. Der Große Preis von Belgrad wurde zum vergessenen Grand Prix und der europäische Motorsport lag bis 1946 am Boden.

Nuvolaris Siegerwagen und die acht bis dahin gebauten Typ D Doppelkompressoren verschlug es in alle Himmelsrichtungen, sie wurden ausgeschlachtet oder zerstört. 1979 erfuhr der in Belgrad geborene US-Amerikaner Paul Karassik, das Teile des legendären Belgrad-Siegerwagens in Osteuropa lagern. Karassik, der das Rennen in seiner Heimatstadt als Junge noch miterlebt hatte, machte sich auf die Suche und sammelte wie ein Besessener. Es kamen so viele Originalteile zusammen, das es den Spezialisten von Crosthwaite & Gardiner im südenglischen Buxted gelang, den 1939er Typ D wieder aufzubauen. Paul Karassik plante, den weitestgehend original restaurierten Typ D auf dem ehemaligen Stadtkurs seiner Heimatstadt für Demo-Runden einzusetzen, doch das Projekt scheiterte. Karassik trennte sich von seinem Auto Union und verkaufte das Fahrzeug im Jahr 2000 an einen brasilianischen Sammler.

Im Jahr 2007 kam der Typ D zurück nach Europa. Im März 2012 stand der Wagen auf der TechnoClassica in Essen, wo er für acht Millionen britische Pfund angeboten wurde. Durch die Vermittlung eines namhaften Oldtimerexperten griff Audi Tradition zu und kaufte den Typ D Doppelkompressor mit der Rahmennummer 19, der ursprünglich für Hans Stuck vorgesehen war. Zuletzt war der Auto Union Typ D Doppelkompressor im Juni 2014 beim Goodwood Festival Of Speed zu bewundern.

Für Belgrad-Sieger Tazio Nuvolari bedeutete der 3. September 1939 das Ende einer glanzvollen Karriere. Der ‚Fliegende Mantuaner‘ kehrte nach dem Krieg auf die Rennstrecke zurück, war aber gesundheitlich bereits schwer angeschlagen. Bei der Mille Miglia des Jahres 1948 kämpfte sich Nuvolari asthmakrank bis über die Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Ein Bremsdefekt warf ihn aus dem Rennen. Nuvolaris letzter Sieg war am 10. April 1950 am Monte Pellegrino auf Sizilien. Auf einem Cisitalia-Abarth bestritt Nuvolari gleichzeitig sein letztes Rennen. Am 11. August 1953 starb Nuvolari 61-jährig in seiner Geburtsstadt Mantua an den Folgen eines Schlaganfalles.

Manfred von Brauchitsch knüpfte nach dem Krieg nie mehr an seine Rennsporterfolge an. Er versuchte sich als Funktionär und wurde von 1948 bis 1950 erster Präsident des AvD Automobilclubs von Deutschland. Finanziell mittellos flüchtete er 1954 in die DDR und übernahm das Präsidium des Allgemeinen Deutschen Motorsport Verbandes ADMV. Manfred von Brauchitsch starb im Jahr 2003 im Alter von 97 Jahren in Gräfenwarth nahe dem Schleizer Dreieck.

Fotos (c) Daimler AG, Audi AG