Macao Grand Prix: Der T-Rex unter den Rennstrecken!

Der Guia Circuit im Spielerparadies Macao ist wirklich nichts für schwache Nerven. Die enge Strecke in der chinesischen Sonderverwaltungszone ist bei den Fahrern beliebt und gefürchtet zugleich. Teils ist der Kurs nur sieben Meter breit, hat keinerlei Auslaufzonen. Das garantiert spektakuläres Old School Racing, denn Track Limits gibt es nicht. Jeder Fehler führt unweigerlich in die Planken. Der Macao Grand Prix ist die ultimative Herausforderung für Motorsportler!

Der 6,115 Kilometer lange Stadtkurs ist der Tyrannosaurus Rex unter den Rennstrecken dieser Welt. Die Streckenabschnitte Mandarin Corner, Lisboa Bend, San Francisco Hill, Dona Maria, Melco und Fishermans Bend haben einen legendären, fast schon furchteinflössenden Ruf. Die Strecke beisst ohne jede Warnung, kennt kein Erbarmen und macht auch vor Opfern nicht halt. Während sich am Samstag bei FIA GT Weltcup die GT3-Boliden zu einem Crash mit Millionenschaden türmten, verunglückte am Sonntag beim Motorradrennen Daniel Hegarty tödlich. Der Brite verlor bei einem Sturz in die Streckenbegrenzung seinen Helm und erlag seinen schweren Verletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus. Da darf es die sicherheitsverwöhnten europäischen Rennsportfreunde nicht wundern, wenn sofort Kritik an dieser irrwitzigen Strecke laut wird. Die Veranstalter jedoch blendeten die kritischen Stimmen nach dem dritten Todesfall seit 2005 auf dem irren Stadtkurs durch das Spielerparadies nahe Hongkong sofort aus. „Es gibt keine Diskussion über die Strecke, sie existiert schon seit mehr als 60 Jahren“, sagte der Koordinator des Grand-Prix-Komitees, Joao Manuel Costa Antunes den Medien. Doch selbst ich, der den Macao Grand Prix vor über 12 Jahren vor Ort erlebte und ihn nachwievor liebt wie kaum ein anderes Rennen, muss anerkennen: das Motorradrennen auf diesem Kurs ist fast schon eine Einladung zum Harakiri. Ohne jeden Aufprallschutz sind die Biker zwischen den Leitschienen unterwegs. Sicherheit fehlt völlig und selbst die paar aufgestellten Reifenstapel nützen bei den exorbitanten Geschwindigkeiten absolut nichts. Der Münchner Maro Engel, der Dritter beim GT-Weltfinale wurde, meinte: „So etwas will keiner sehen, das kann man nicht einfach verdrängen. Der Unfall überschattet alles. Ganz ehrlich, ich sehe den Macao Grand Prix sehr kritisch!“ Kein Wunder, denn selbst die Profis aus dem GT3-Lager hatten in Macao ihren Aha-Moment. Das Qualifying Race am Samstag wurde bereits nach einer halben Runde abgebrochen. An der Police Station Corner, einer gefüchteten Engstelle, kam es zur Massenkarambolage, dem 16 Autos des Feldes zum Opfer fielen. Nach dem Restart mit nur acht Fahrzeugen konnte Edo Mortara den Sieg von vorne souverän nach Hause fahren und sich so die Pole-Position für das Hauptrennen sichern. Raffaele Marciello verbesserte sich vom vierten auf den dritten Platz. Pech hatte hingegen Maro Engel, der beim Restart auf Platz eins liegend von einem technischen Defekt aufgehalten wurde und als Achter die Ziellinie sah.

Beim Hauptrennen am Sonntag sorgte Regen am Vormittag für zusätzliche Spannung. Auf abtrocknender Strecke riskierten die Fahrer aber von Beginn an alles und lieferten sich spannende Positionskämpfe. Dabei konnte sich Marciello zunächst auf Platz zwei verbessern, musste sein Fahrzeug aber kurze Zeit später durch einen Folgeschaden nach einer Berührung vorzeitig abstellen. Mortara zeigte an der Spitze des Feldes seine ganze Klasse und konnte sich schnell vom Feld absetzen. Auch nach den beiden Safety Car-Phasen ließ sich Mortara den Sieg nicht mehr nehmen. Engel zeigte von Startplatz acht eine beeindruckende Aufholjagd: Im Mercedes-AMG GT3 Startnummer 999 mit dem auffälligem Linkin Park-Design konnte er Platz um Platz gutmachen und überquerte die Ziellinie auf Rang drei. Juncadella, der sich ebenfalls nach vorne gearbeitet hatte, musste nach einer Berührung einen Boxenstopp einlegen und beendete das Rennen auf Platz acht. Mortara unterstrich mit dem Gewinn des FIA GT World Cup-Titels seinen Ruf als ‚Mister Macau‘, da er auf dem Stadtkurs bereits in der Formel 3 (2009, 2010) erfolgreich war und von 2011 bis 2013 auch die GT3-Siege in Macau davontragen konnte. Zweiter wurde der Audi-Pilot Robin Frijns, der bei seinem Macau-Debüt seine fahrerische Klasse konsequent unter Beweis stellen konnte: Frijns hielt sich klug aus den Duellen im Spitzenfeld heraus, die verschiedene Schäden, Strafen und Unfälle nach sich zogen, fuhr auf Platz zwei vor und markierte die zweitschnellste Rennrunde. Sie war drei Zehntelsekunden schneller als die schnellste Runde des späteren Siegers Edoardo Mortara, dem Frijns sich im Ziel nur um sechs Zehntelsekunden geschlagen geben musste. Nico Müller konnte einem Konkurrenten nicht mehr ausweichen, der sich vor ihm gedreht hatte, während Lucas di Grassi nach einer Berührung der Streckenbegrenzung ausschied. Nach seinem zweiten Platz im Qualifikationsrennen war Augusto Farfus vom BMW Team Schnitzer auch am Sonntag der bestplatzierte BMW Pilot beim FIA GT World Cup in Macau. Der Brasilianer arbeitete sich im 18. BMW Art Car nach einem unplanmäßigen Boxenstopp, den er aufgrund einer unverschuldeten Kollision einlegen musste, vom Ende des Feldes wieder auf den vierten Rang nach vorn. Chaz Mostert und Marco Wittmann, die in zwei BMW M6 GT3 vom FIST – Team AAI unterwegs waren, komplettierten auf den Positionen fünf und sechs das gute Gesamtergebnis für BMW beim spektakulären Finale der GT-Saison 2017. Tom Blomqvist verpasste hingegen das Hauptrennen in Macau. Sein BMW M6 GT3 mit der Startnummer 99 von ROWE Racing wurde bei der spektakulären Massen-Karambolage am Samstag so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass ein Einsatz am Sonntag nicht möglich war.

Der Macao Grand Prix ist aber auch traditionell die Show der Formel 3 Youngster. Und die jungen Wilden lieferten sich im Hauptrennen am Sonntagmorgen eine Show der Extraklasse. Wie knapp Triumph und Niederlage im Motorsport beisammen liegen, musste Österreichs Formel-1-Hoffnung Ferdinand Habsburg am Sonntag am eigenen Leib erfahren: Beim prestigeträchtigen und wichtigsten Formel-Rennen für Nachwuchsfahrer kämpfte der Österreicher bis zum Schluss mit Sergio Sette Camara um den Sieg. In der letzten Kurve wagte Habsburg einen Angriff und presste sich vorbei – aber er und Sette Camara verbremsten sich und schlugen in die Streckenbegrenzung ein. Der lachende Dritte war Red-Bull-Junior Daniel Ticktum: Der 18-jährige Brite profitierte vom Unfall der beiden Piloten vor ihm und überquerte die Ziellinie als Erster. Dahinter lagen McLaren-Supertalent Lando Norris und der Este Ralf Aron. Habsburg schaffte es mit seinem schwer beschädigten Formel-3-Boliden immerhin noch als Vierter über die Ziellinie – und wurde danach von seinen Mechanikern mit frenetischem Jubel an der Box empfangen. Der Formel-3-Grand-Prix in Macau ist traditionell das Klassentreffen der talentiertesten Nachwuchsfahrer auf dem Weg in die Formel 1. Zu den Siegern gehörten in der Vergangenheit spätere Formel-1-Legenden wie Riccardo Patrese, Ayrton Senna oder Michael Schumacher. Auch dessen Bruder Ralf konnte das Rennen für sich entscheiden. Auch Michael Schumachers Sohn war in Macao am Start. Vom letzten Startplatz kommend arbeitete sich Mick bis auf den vierzehnten Rang nach vorn. Ein nicht vorgesehener Boxenstopp warf das Talent aber zurück auf den 16. Platz.

Auch die bunt lackierten Mittelklasswegen der WTCC machten am Wochenende in Macao Station. Der vorletzte Lauf der Tourenwagen-Weltmeisterschaft wurde geprägt von Rob Huff. Mit seinem Sieg im Hauptrennen schrieb Huffy Geschichte. Auf nasser Strecke fuhr der Brite seinen All-Inkl. Citroen zum Sieg und baute damit seinen Macao-Rekord aus. Rob Huff hat nun neunmal auf dem Guia-Stadtkurs gewonnen. Der ALL-INKL.COM Münnich Motorsport Fahrer behielt bei schwierigen Bedingungen einen kühlen Kopf und feierte auf dem Kurs seinen ersten Sieg in der FIA Tourenwagen-WM seit April 2016. „Absolut unglaublich“, sagte Huff, dessen Auto bei dem Unfall, der am Samstag zum Abbruch des Eröffnungsrennens geführt hatte, ernsthaft beschädigt worden war. „Ein großer Dank ans Team, sie haben einen unglaublichen Job gemacht und das Auto über Nacht neu aufgebaut. Noch um Mitternacht hätte ich nicht gedacht, dass ich heute ein Auto habe, mit dem ich fahren kann!“ Das erste Regenrennen der WTCC in Macau wurde hinter dem Safety-Car gestartet. Bei der Rennfreigabe in Runde drei ging Huff, der von der Pole-Position gestartet war, vorsichtig zu Werke. „In den ersten ein, zwei Runden war ich beim Anbremsen der Lisboa wirklich vorsichtig, wodurch Honda-Pilot Michelisz aufschließen konnte. Aber das Auto war einfach toll!“ Nachdem er einmal in Fahrt gekommen war, fuhr Huff ein Polster auf den Castrol Honda Civic von Michelisz heraus und gewann mit einem beeindruckenden Vorsprung von 8,142 Sekunden. Mit Rang zwei verkürzte Michelisz im Kampf um den WTCC Titel den Rückstand auf den Meisterschaftsführenden Thed Björk, doch der Ungar musste hart um dieses Ergebnis kämpfen. Der Meisterschaftsführende Björk kam in seinem Polestar Cyan Racing Volvo S60 auf Rang fünf ins Ziel. Macau-Veteran Tom Coronel fuhr nach seinem zweiten Platz im Eröffnungsrennen im Hauptrennen mit seinem ROAL Motorsport Chevrolet RML Cruze TC1 auf Platz sechs.

Mehdi Bennani, der das Eröffnungsrennen gewonnen hatte, kam diesmal für Sébastien Loeb Racing auf Rang sieben ins Ziel. Kevin Gleason (RC Motorsport) als Achter, Néstor Girolami (Polestar Cyan Racing Volvo) als Neunter und Zsolt Dávid Szabó im Zengő Motorsport Honda Civic WTCC als Zehnter komplettierten die Top 10. Die Entscheidung in der Tourenwagen-WM fällt am 1. Dezember auf dem Losail-Circuit in Qatar.

Fotos (c) BMW AG, Daimler AG, Ferdi Kräling Motorsport-Bild GmbH, FIA Media, Macau Inquirer, Screenshot FIA.com, FIA WTCC/DPPI, Red Bull CP