WEC Shanghai: Porsche ist Weltmeister!

So langsam kriecht auch die dahin siechende WEC ihrem Saisonende entgegen. Toyota gelingt in Shanghai ein weiterer Laufsieg. Doch die Japaner können den fast sicher geglaubten Doppelsieg nicht einfahren. Ein gravierender Fehler von Jose-Maria Lopez machten diesen Traum zunichte!

Zum Ende der WEC-Saison langte Toyota noch einmal zu. Nach dem Doppelsieg in Fuji sollte in Shanghai der nächste Doppelerfolg her. Lange sah es auch danach aus, doch in der Schlußphase unterlief Jose-Maria Lopez ein fataler Fehler. Der Argentinier rempelte sich beim Überrunden zu heftig durch den Verkehr und blieb an einem Porsche 911 hängen. Der Lopez Toyota war krumm und musste die Box anlaufen. Die außerplanmäßige Reparatur dauerte über 13 Minuten. Lopez übermotivierte Aktion kostete Toyota den leicht zu erringenden Doppelsieg und machte Porsche zum Weltmeister. Das Porsche Team übernahm dankbar den zweiten Platz und feierte in Shanghai die Doppelmeisterschaft. Die Zuffenhausener verteidigten eim vorletzten Lauf zur FIA Langstreckenweltmeisterschaft den Fahrer- und Herstellertitel erfolgreich. Mit den Plätzen zwei und drei holt das Porsche LMP Team die beiden Pokale zum dritten Mal in Folge nach Zuffenhausen. Dem Werksfahrer-Trio Earl Bamber, Timo Bernhard und Brendon Hartley reichte Platz zwei im Sechsstundenrennen von Shanghai zum Titelgewinn. Die Teamkollegen im zweiten Porsche 919 Hybrid, die abgelösten Weltmeister Neel Jani, André Lotterer und Nick Tandy, kamen in China als Dritte ins Ziel. Ein Defekt zu Rennbeginn hatte die drei zurückgeworfen. Mit dem Sieg im achten von neun WM-Läufen bereitet sich Porsche so langsam auf den Schlußstrich vor. Nach dem Saisonfinale in Bahrain zieht sich der Sportwagenhersteller aus der WEC zurück und überläßt die kränkelnde WEC Toyota, die dann wohl gegen sich selbst fahren.

Sportlich hat Porsche in der WEC alles erreicht. Die Rennkarriere des 919 Hybrid wurde gestern zum dritten Mal in Folge mit dem Weltmeistertitel gekrönt. Die Laufbahn des innovativen Le-Mans-Prototyps der Kategorie LMP1 mit gut 900 PS bzw. 665 kW Systemleistung glich einer Reise auf der Überholspur: 2014 debütierte Porsche mit einem einzigartigen Antriebskonzept. Ein kompakter, hoch effizienter Zweiliter-Vierzylinder-Turbobenziner (500 PS/370 kW) wurde ergänzt von Brems- und Abgasenergierückgewinnung. Die beiden Rekuperationssysteme mobilisieren auf Knopfdruck einen Boost von weiteren 400 PS, der den 919 obendrein mit einem Traktionsvorteil beim Beschleunigen ausstattet. Während der Verbrennungsmotor die Hinterachse antreibt, packt der Hochleistungselektromotor an der Vorderachse an und verwandelte den Le-Mans-Prototyp am Kurvenausgang in einen Allradler. Bereits im ersten Jahr holt der Porsche 919 Hybrid zwei Polepositions in Spa-Francorchamps und in Sao Paulo und im Finale den ersten Sieg beim Sechsstundenrennen von São Paulo.

Für die Saison 2015 behielt Porsche zwar das bis heute im Rennsport fortschrittlichste Antriebssystem bei, dreht aber jede Komponente des 919 auf links. Die Lektionen der Debütsaison wurden in atemraubendem Entwicklungstempo umgesetzt. Der 919 wurde 2015 das überlegene Auto des Jahres: Weder Audi noch Toyota oder Nissan als viertem LMP1-Werksteam gelang es auch nur ein einziges Mal, einen Startplatz in der ersten Reihe zu ergattern. Dort standen konsequent zwei Porsche. Neel Jani stellt im Qualifying für die 24 Stunden von Le Mans einen Rekord auf: 13,629 Kilometer in 3.16,887 Minuten, Durchschnittsgeschwindigkeit 249,2 km/h. Es folgt der erste von drei Le-Mans-Gesamtsiegen des 919 mit den Fahrern Earl Bamber, Formel-1-Pilot Nico Hülkenberg und Nick Tandy. Das Trio teilt sich den damals dritten 919. Sie haben die geringste Le-Mans- und Prototypen-Erfahrung und ausgerechnet ihnen gelingt der 17. Gesamtsieg in der Porsche-Historie. Der bis dahin letzte datierte aus dem Jahr 1998. Porsche, mit dem Mythos Le Mans verwoben wie kein anderer Automobilhersteller, war seit 1999 nicht mehr in der Topliga angetreten. Nach dem Triumph in Le Mans blieb die WM spannend. Das Trio Timo Bernhard, Brendon Hartley und Mark Webber fährt bei den folgenden Sechsstundenrennen am Nürburgring, in Austin, Fuji und Shanghai vier Gesamtsiege ein. Am 1. November kann Porsche in Shanghai den ersten Hersteller-WM-Titel seit 1986 feiern. Beim Finale in Bahrain ging es um den Weltmeistertitel für die Fahrer. Bernhard/Hartley/Webber kämpfen mit einem waidwunden Auto. Im Laufe des Rennens brechen beide Drosselwalzenhebel des Verbrenners. Findige Mechaniker bauen Zangen in den glühend heißen Motor ein und arretieren die Drosselwalzen auf Vollgas. Ingenieure programmieren die Motorsteuerung in Echtzeit. Boxenstopps funktionieren nur noch im rein elektrischen Fahrmodus. Nach zwei Reparaturstopps haben die Piloten keine Chance mehr, über Platz fünf hinauszukommen. Erst als Marc Lieb im zweiten 919 kurz nach Halbzeit des Rennens den führenden André Lotterer im Audi niederringt, rückt der Titel wieder in Reichweite. Die Zitterpartie gelingt: Romain Dumas, Jani und Lieb gewinnen das Rennen, Bernhard/Hartley/Webber den WM-Titel. Die Dramatik, die fahrerische Leistung und die beeindruckende Performance des noch jungen Teams machen das Finale 2015 zum Höhepunkt der 919-Geschichte.

2016 rüstete die Konkurrenz auf. Der 919 wurde in vielen Details überarbeitet, war aber keine komplette Neuentwicklung. Die Luft wurde dünner. In Le Mans wurde der zunächst führende 919 von Bernhard/Hartley/Webber durch einen Wasserpumpendefekt mit Folgeschäden aussichtslos zurückgeworfen. Ab Mitternacht lieferte sich der 919 von Dumas/Jani/Lieb ein stundenlanges Fernduell mit dem schnellsten Toyota. Das Porsche-Simulationsprogramm bewertet ständig neu: reicht, reicht nicht. Als Jani wenige Runden vor Schluss wegen eines schleichenden Plattfußes zum Extra-Service an die Box muss, scheint der Toyota-Sieg besiegelt. Doch eine Runde vor dem Ziel nimmt das Rennen eine für Toyota schockierende Wendung: Kazuki Nakajima rollt ohne Vortrieb aus. Jani bringt den 18. Gesamtsieg für Porsche ins Ziel. Dumas/Jani/Lieb führen in der WM, doch für die Le-Mans-Sieger entwickelte sich eine harzige Saison. Die Konkurrenz ist auch teamintern stark. Bernhard/Hartley/Webber gewannen auf dem Nürburgring, in Mexiko-Stadt, in Austin und Shanghai. In China feierte Porsche den zweiten Gewinn der Hersteller-WM. Im Finale in Bahrain genügte Dumas/Jani/Lieb ein sechster Platz zur Ablösung ihrer Teamkollegen als neue Weltmeister. Es ist eine Abschiedsvorstellung: Audi verlässt die WEC, Webber tritt vom Profi-Rennsport zurück, Dumas und Lieb scheiden aus dem LMP1-Programm aus.

Zur WM 2017 tritt der Porsche 919 Hybrid mit Neuerungen in den Bereichen Aerodynamik und Fahrwerk sowie weiterer Effizienzsteigerung für den Antriebsstrang an. Der Fahrerkader ist neu aufgestellt: Als amtierender Weltmeister sitzt Jani im Porsche mit der Nummer 1, den er sich jetzt mit André Lotterer (DE) teilt, der nach dem Audi-Ausstieg bei Porsche an Bord gegangen ist. Tandy wird der dritte Mann. Im Schwesterauto von Bernhard/Hartley ersetzt Bamber den zurückgetretenen Webber. Aus Kostengründen erlaubt die WEC nur noch zwei Aerodynamik-Pakete pro Saison. Porsche konzentriert sich auf Le Mans, denn beim Saisonhöhepunkt gibt es nicht nur maximales Prestige, sondern auch doppelte Punkte. Die ersten beiden Rennen in Silverstone und Spa laufen unter Schadensbegrenzung mit dem Aero-Kit, das zwar Topspeed auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Le Mans verspricht, aber in kurvenreichen Streckenabschnitten Abtrieb vermissen lässt. Zweiter und Dritter in England, Dritter und Vierter in Belgien. In Le Mans kämpfen zwei Porsche gegen drei Toyota. Im Qualifying und zu Rennbeginn gibt Toyota den Ton an. Um 18:30 Uhr wird die Porsche-Box zudem von einem Defekt alarmiert: In der 58. Rennrunde, Bamber liegt an vierter Position, hat er keinen Vorderachsantrieb mehr. Bis 19:35 Uhr wird fieberhaft repariert. Das Rennen ist in der 78. Runde, als Hartley wieder auf die Strecke fährt – scheinbar aussichtslos an Position 54 mit 19 Runden Rückstand. Die Nacht wird für Toyota verlustreich: Zwei Prototypen fallen aus, einer weit zurück. Das Wettrüsten fordert Opfer, am Vormittag um kurz nach elf erwischt es auch Porsche: Mit 13 Runden Vorsprung in Führung liegend, rollt Lotterer bei brütender Hitze mit Antriebsschaden aus. Jetzt schlägt die Stunde des Schwesterautos: Bamber/Bernhard/Hartley kämpfen sich durch das Feld der anderen Klassen nach vorn. 20 Runden vor dem Ziel erobert Bernhard die Gesamtführung – sein Traum, mit Porsche in Le Mans zu gewinnen, wird wahr. Es ist der dritte Gesamtsieg für den 919 in Le Mans und der 19. für Porsche.

Die Le-Mans-Sieger ernten auch auf dem Nürburgring, in Mexiko-Stadt und in Austin die volle Punktzahl. Bernhard und Hartley werden die siegreichsten Fahrer der WEC-Geschichte. In Shanghai, nach dem achten von neun WM-Läufen, ist Porsche der dritte Hersteller-Weltmeistertitel hintereinander nicht mehr zu nehmen. Der Porsche 919 Hybrid hat alles erreicht! Porsche zieht sich zum Ende der Saison aus der WEC zurück und überläßt das Feld einem in der Krise chaotisch agierenden ACO und Toyota, die sich mit Lopez im Cockpit nur selber schlagen können. Zu forsch trat der Argentinier in Shanghai aufs Gas und zu viele kritische Stimmen hat der bei den Tourenwagen so erfolgreiche Lopez bereits heraufbeschworen. Bleibt zu hoffen, das Toyota den Verbleib in der WEC nicht bereut. Zu wertlos werden die Siege im nächsten Jahr. Manchmal ist nämlich ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende!

Fotos (c) Porsche AG, Toyota Gazoo Racing