F1 2016: Hosen runter!

Noch einmal schlafen, dann beginnt in Melbourne die Formel 1 Saison 2016. Endlich werden die Hosen runtergelassen und das Tarnen, Täuschen und Tricksen der Testwochen hat ein Ende. Spannend soll er werden, der Kampf um den Titel. Dabei ist hier im Dorf eigentlich alles längst entschieden!

F1TESTBarcelona2016JK_1845389Lewis Hamilton bereitete sich wohl am intensivsten auf den Saisonstart vor. Der amtierende Weltmeister crashte vor einigen Tagen das Sky-City Casino im neuseeländischen Auckland und legte sich ganz nebenbei noch mit der Polizei an. Lewis Vorliebe für Selfies wurde ihm zum Verhängnis und der Pseudo-Gangsta ließ sich nicht lange bitten. Ein paar bitterböse Tweets und Hamilton war in den Schlagzeilen. Das Echo in den Medien war garantiert und die Saisonvorbereitung a la Hamilton war im Kasten. Ganz brav verhielten sich dagegen Nico Rosberg und Sebastian Vettel. Ein Langweiler, wer Böses dabei denkt. Hamilton ist halt von einem ganz anderen Schlag als die Kollegen Rosberg und Vettel. Vom Rest des Feldes ganz zu schweigen. „Ich habe alles mitgenommen, was mitzunehmen war“, beantwortete Lewis die Frage nach den Saisonvorbereitungen und meinte damit sein Jet Set Leben im Partygetümmel. Für seine Mitstreiter ein Graus, für die Yellow Press ein gefundenes Fressen. Doch auch die PS- und Hubraum-Magazine haben sich in den vergangenen Wochen mächtig ins Zeug gelegt.

Kaum ein Tag verging ohne spektakuläre Analysen, mehr oder weniger präzise Hochrechnungen, zahlreiche Theorien und langatmiges Kaffeesatzlesen. Auch F1-Zampano Bernie Ecclestone mischte sich ein und die Regelhüter legten Wert auf ein verändertes Quali-System und einen komplizierten Gummi-Paragraphen. Pirelli liefert nun drei statt bisher zwei Mischungen. Doch grau ist alle Theorie. Am Freitag heißt es: Hosen runter! Wer hat den Schnellsten? Fragt man sich hier im Dorf durch die etwas elitär gewordene F1-Fanbase, dann ist die Antwort eindeutig. Lewis Hamilton! Für Melbourne gilt das allemal, denn auf dem Kurs im Albert Park ist Power gefragt. Wie im Vorjahr, als Lewis Hamilton und Nico Rosberg den ersten Doppelsieg der Saison einfuhren, Hamilton die WM-Führung übernahm und sie bis bis zum Ende der Saison nicht mehr abgab.

F1TESTBarcelona2016JK_1845172Keine guten Aussichten für Rosberg, der dem Stallrivalen am Sonntag die eingebauten Vorfahrt entreissen will. Der Deutsche ist nach eigenen Worten bereit wie nie zuvor. Rosberg ist zehn Jahre in der Formel 1, fuhr 185 Rennen, holte 14 Siege und 22 Poles. Doch drei Jahre Kampf gegen Hamilton haben sein Image geprägt. Rosberg könnte, wie es Anno Hecker in der FAZ so treffend formulierte, zum Rubens Barrichello der Moderne werden. Rosberg steht ab morgen mit dem Rücken zur Wand. Wendet er das Blatt im Kampf gegen Teamkollegen nicht, droht der Karriereknick. Ob ihm dabei die kleine Regeländerung, wie z.B. das Verbot jeglicher Fahrassistenz über Funk, in den Karten spielt? Das sieht selbst Rosberg realistisch. „Es ist nicht so, das Lewis auf dem Gebiet im Dunkeln fährt“, sagte Rosberg beim Saison-Kick-Off. Mercedes hat wieder einmal das stärkste Paket. Mercedes hat aber auch 2016 das alte Problem. Teamchef Toto Wolff formulierte es im Daimler-Benz Mediendienst natürlich geschickt verpackt: „Wir haben in den vergangenen beiden Saisons gezeigt, dass wir keine Stallregie einsetzen – und das hat sich nicht geändert!“ Im Team ist also bereits wieder Feuer unter dem Dach und Ferrari bringt sich bereits in Position.

1422805498.89Die Scuderia hofft auf die selbstzerstörerischen Kräfte des Gärungsprozesses, der bei den Silberpfeilen bereits begonnen hat. Sebastian Vettel braucht sich dagegen um Kimi Räikkönen keinen Kopf machen. Der Finne wird bei den Italienern als braver Sekundant gehandelt. Doch Kimi weiß sein Chance zu nutzen, wenn Vettel in Schwierigkeiten gerät. Hält der SF16-H, dann verbeisst sich Ferrari in die Waden der Silberpfeile. Vier, vielleicht gar fünf Grand Prix Siege darf man der Scuderia locker zutrauen. Und der WM-Titel? Noch nicht in diesem Jahr! Ferrari-Präsident Sergio Marchionne muss sich trotz reißerischer Motivation noch ein Jahr gedulden! Zwar ist die Saison mit 21 Rennen extrem lang und auch die Silberpfeile schielen bereits auf die erstarkten Roten. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, das die Zeit für Vettels rote Göttin noch nicht reif ist. Das Duell Silber gegen Rot hat aber das Zeug zu einem spannenden Thriller. Doch nicht nur für Mercedes und Ferrari geht es ab morgen um Punkte und Titel. Auch das Feld der Hinterherfahrer muss die Hosen runterlassen.

_Q0R7507Allen voran DTM-Champion Pascal Wehrlein, der in Melbourne sein Formel 1 Debüt gibt. „Dieses Jahr werde ich keine Chance auf das Podium haben“, sagte der 21-jährige der dpa. „Deswegen muss ich mit einer anderen Einstellung da reingehen und das fällt mir nicht leicht!“ Die Rennen im Manor werden für Wehrlein hartes Brot, denn der Youngster war bisher vom Erfolg verwöhnt. In der DTM gab Wehrlein den umjubelten Shooting Star: 2013 jüngster Starter, 2014 jüngster Rennsieger, 2015 jüngster Champion! Lorbeeren, auf die es sich in der Formel 1 nun wirklich ganz schlecht ausruhen lässt. In Melbourne ins Ziel zu kommen, ware für den Debütanten bereits ein großer Erfolg. „Wir wollen in dieser Saison ein Highlight setzen“, sagte Wehrlein vor einigen Tagen. Wohlwissend, das auch er unter Beobachtung steht. Der wirklich große Sprung ins Mercedes-Werksteam blieb im bis jetzt verwehrt. „Der Rennstall sei derzeit glücklich mit Weltmeister Hamilton und Vize-Weltmeister Rosberg“, sagte Teamchef Toto Wolff. Doch Mercedes braucht Optionen. „Wir hätten ihn nicht unterstützt, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass er eines Tages soweit ist, in einen Silberpfeil zu steigen!

Archivfotos (c) Daimler-Benz AG, DPPI