WRC: Risiken und Nebenwirkungen!

Fast wäre die Rallye Schweden den warmen Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen. Im Värmland probten die Fahrer wegen der extrem schlechten Streckenverhältnisse den Aufstand. Der fiel zwar in sich zusammen, die Manager des Rallysports haben aber nun mit plötzlichen Risiken und Nebenwirkungen zu kämpfen!

7100-2016_01_22_sebastien_ogier_bVom Wintermärchen keine Spur. Zwar versprach der Wetterbericht pünktlich zum Rallye-Wochenende Besserung, mit Hilfe unzähliger Helfer wurden die zur Verfügung stehenden Pisten präpariert und die Wertungskilometer um ein Drittel verkürzt. Sebastien Ogier ließ aber nicht lange auf sich warten und hämmerte den Organisatoren eine weltmeisterliche Kritik um die Ohren. Der VW-Pilot nahm kein Blatt vor den Mund und lehnte jede Verantwortung ab, mit den schmalen Spikereifen aufgetautes Schottergeläuf zu befahren. Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen war, denn die Spikes hätten sich schnell aus dem Reifenprofil verabschiedet und wären zu unkontrollierbaren Geschossen geworden. Ein Risiko für die Piloten UND die Zuschauer am Streckenrand. Doch Ogiers Interessen wurden in Schweden plötzlich politisch. Der Weltmeister forderte offen und unverblümt eine Absage der Rallye. Das sorge im Värmlad für ziemlichen Aufruhr. Das Volkswagen Team-Management ruderte zwar zurück und Ogier backte plötzliche wieder kleine Brötchen, doch die geplante Revolte wollte der Champion dennoch nicht absagen. Am frühen Freitagmorgen sammelte Ogier die WRC Priority 1 Fahrer (Die von ihren Teams für die WRC-Herstellerwertung nominierten Piloten. Die Piloten die von den Teams zwar gemeldet, aber nicht für die Herstellerwertung punkteberechtigt sind. Die Piloten, die sich in den vergangenen beiden Jahren in der Top 10 der WRC-Gesamtwertung qualifiziert hatten!) um sich. Ogier wollte einen Boykott der Auftaktprüfung durchsetzen. Der Grund: Der Veranstalter hatte die erste WP mit schwerem Gerät planiert und Ogier befürchtete so manche unliebsame Überraschung, die nicht im Aufschrieb vermerkt war!

Doch daraus wurde nichts. Ogiers Revolte fiel in sich zusammen. Der Grund: Hyundai-Teammanager Alain Penasse, der seinen Piloten bereits am Vorabend unmissverständlich klar gemacht hatte, das den Informationen des Veranstalters über den Zustand der ersten WP zu trauen sei. Auch WM-Managerin Michele Mouton mischte sich ein, fuhr die kritische Auftakt-WP ab und fand keine Beanstandungen. Dafür aber deutliche Worte für die Piloten: „Es kann nicht sein, dass die Aktiven die Regeln machen. Dafür ist immer noch die FIA verantwortlichund wir entscheiden zusammen mit dem Veranstalter“, zitiert die Motorsport aktuell dieser Woche die ehemalige Audi-Pilotin. Für die resolute Dame war alles klar. Daumen hoch! Alles gut! Oder etwa nicht?

Meeke_0150524_099514_bDie FIA muss aufpassen. Mit einer Basta-Politik a la Mouton werden sich die WRC-Stars auf Dauer vermutlich nicht zufrieden geben. Zuviel Druck ist im Kessel, nicht nur Schweden betreffend. Da ist die 80 Kilometer lange Mega-Etappe in Mexiko, aber auch der bei Teams und Piloten umstrittene WM-Lauf in China. Gleichzeitig spüren die Weltklasse-Piloten, dass sie immer mehr Teil der Show werden, die vom Kommerz und den TV-Rechten angetrieben wird. Die im vergangenen Jahr von einigen Fahrern heftig kritisierte Nachtprüfung in Australien ist so ein Beispiel. Natürlich ist der Rallyesport tv-technisch eher eine Randsportart, doch die Ausagen einiger Piloten sprechen eine deutliche Sprache: „Wir werden zu Marionetten, die losgeschickt werden, damit man Fernsehen und damit Geld machen kann. Aber es ist Zeit, ein bisschen Respekt für den Sport zu zeigen“, sagte ein besorger Kris Meeke im Rallye-Magazin. Der Nordire ging in seinem Statement sogar noch weiter: „Das Programm wird durchgezogen, damit man Bilder fürs Fernsehen hat. Keiner versteht, dass es für uns Fahrer ein Alptraum ist, auf solchen Strecken mit abgefahrenen Spikes unterwegs zu sein. Bei diesen Geschwindigkeiten kann man das nicht zulassen. Aber es sieht so aus, als sei heute Geld wichtiger als unsere Sicherheit!“ Völlig zu Recht weist Meeke auf die Sicherheit der Piloten hin, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Auch die Zuschauer waren in Schweden einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Das nimmt man als Rallyefreund selbstverständlich gern in Kauf. Der Super-Gau wird ausgeblendet. Aber wer einmal hautnah an einer Sonderprüfung stand, der kann sich ausmalen, wie es sich anfühlt wenn anstatt Schlamm, Matsch oder Schnee plötzlich messerscharfe Spikes auf einen einprasseln.

Paddon01MC16sv004_bNatürlich gibt es bei den WRC-Piloten ein differenziertes Sicherheitsempfingen. Hyundai-Pilot Hayden Paddon fand die Bedingungen in Schweden und damals in Australien nicht so schlecht. Im Interview mit der Motorsport aktuell sagte der Kiwi: „Für mich gehörgen Regen, Dunkelheit, Staub etc. zum Rallyesport dazu. Ich finde, mann muss Tempo und Risiken den Gegebenheiten anpassen. Vielleicht hat sich die Mentalität da bei einigen Piloten verändert!“ Der selbstbewusste Neuseeländer weiß allerdings auch, das in der Zukunft eine Fahrervertretung und ein Mitspracherecht der Piloten von immer größerer Bedeutung wird. „Aber nicht zehn Minuten vor dem Start. Darauf kann niemand mehr reagieren. Ich bin für klare Standpunkte und nicht für Erpressung“, fasste Paddon sein Statement in der MSa zusammen. Paddons Seitenhieb in Richtung Ogier dürfte angekommen sein. Doch der geplatzte Schweden-Boykott wird für die WRC-Offiziellen ein Nachspiel haben. Die aktiven Piloten fordern mehr Mitsprache. Vor dem WM-Lauf in Mexiko will man miteinander reden. Die Risiken und Nebenwirkungen dieses faszinierenden Sports sollten besser miteinander abgestimmt werden!

Fotos (c) Volkswagen Motorsport, Hyundai Motorsport, Citroen WRT