Mit Hyundai nach Finnland: Die Chroniken von Jyväskylä, Teil 1!

Sisu! Das ist jene mentale Eigenschaft, über die eigentlich nur Finnen verfügen. Mut, Kühnheit, Ausdauer und Zähigkeit sind die entscheidenden Elemente. Besonders dann, wenn Alt und Jung beim größten Sportereignis des Landes mitfiebert und der Druck einer ganzen Nation auf den Schultern eines Mannes lastet. Jari-Matti Latvala hielt all dem Stand und gewann seine Heim-Rallye, die zur schnellsten in der Geschichte der WRC wurde. Auch heute, zwei Wochen nach der Rückkehr aus Finnland, bin ich immer noch in Teilen sprachlos vom Erlebtem. Und das will was heissen!

Der Trip der Superlative begann mit einer Email, die ich am 3. Juli fast übersehen hätte. Die Hyundai Motor Deutschland GmbH in Offenbach bat um einen schnellen Rückruf, um mit mir über eine Einladung zur WRC Finnland zu sprechen. Völlig überrascht griff ich zum Telefon und sagte spontan zu. Eine weise Entscheidung, wie sich bereits wenige Tage später herausstellen sollte, denn die Nachrichten aus dem Hyundai HQ in Seoul deuteten es bereits an. Die Reise nach Finnland sollte etwas ganz besonderes werden. Aber der Reihe nach…

MMF_2042Die Rallye Finnland, früher auch als 1000 Seen Rallye bekannt, gilt als der schnellste WM-Lauf im Kalender der Rallye-Weltmeisterschaft. Mit Vollgas geht es durch die Wälder, vorbei an unzähligen Seen und über spektakuläre Sprunghügel. Die Fans sind extrem begeisterungsfähig und lieben ihre Rallye. Ganz besonders natürlich ihre heimischen Piloten. Auch hier im Dorf gab es bereits früh eine Begeisterung für die Rallye Finnland. Allerdings hatten weder ich noch meine rallyebegeisteten Freunde jemals die Idee, in den hohen Norden aufzubrechen. Die Monte, die Rallye Portugal, San Remo, Korsika und die ADAC Rallye Deutschland bedienten unser Rallyefieber, das in den 1980er-Jahren enorm ausgeprägt war und so gegen 2008 wieder aufflammte. Nicht ganz unschuldig daran: Jener Finne Jari-Matti Latvala, der damals noch für Ford fuhr und seit 2011 immer für eine Schlagzeile hier im Blog gut war. Ford machte das Werksteam leider dicht, doch 2013 wurde dann das Hyundai Shell World Rally Team aus der Taufe gehoben, die mit Thierry Neuville einen der ganz schnellen Kutscher verpflichteten. Und irgendwie hatten wir hier im Dorf schon immer ein Faible für den Underdog aus Alzenau. Im Kampf gegen Volkswagen, Citroen und Ford schlug und schlägt sich die Mannschaft wacker. Grund genug, sich einmal persönlich davon zu überzeugen! Am 31. Juli war es dann soweit. Von Düsseldorf ging es via Zürich und Helsinki nach Jyväskylä. Allein der Final Approach auf dem finnischen Provinzflughafen entschädigte für die umständliche Anreise. In einem äußerst heftigen Regenschauer setzte die Cockpit-Crew zur Landung an und brachte die ATR 72 ganz entspannt zum Stehen. Fliegerisch war das allererste Sahne. Oder Sisu eben, wie die Finnen sagen!

MMF_1241_2Im Rallyezentrum Jyväskylä, einer Stadt mit 135.000 Einwohnern mitten in der finnischen Seenplatte, war die Begeisterung sofort zu spüren. Schon auf dem Weg ins Hotel sprang der Virus auch auf unsere Gruppe über. 10 Motorsport-Blogger aus Spanien, England, Frankreich, Deutschland und Australien freuten sich nach einem schnellen Check In im wunderschön gelegenen Rantasipi Hotel auch schon die erste Action: Die 2,27 Kilometer kurze Special Stage von Harju, einem bewaldeten Höhenzug im Stadtzentrum von Jyväskylä. Ein kleiner Fußmarsch und schon war unsere Gruppe mitten im Geschehen. Umringt von Einheimischen, die ihren Jari-Matti Latvala anfeuerten. Doch auch unsere Hyundai-Gruppe hatte ihr Erfolgserlebnis. Auf der engen und winkeligen Bergetappe holte sich Dani Sordo im Hyundai i20 WRC den dritten Rang. Der perfekte Einstieg in die Tour, die mit einem grandiosen Dinner im Aussichtsrestaurant den ersten Abend abschloß. Die Gruppe lernte sich kennen und war bereit für mehr!

Der Samstag begann zeitig, denn insgesamt vier Sonderprüfungen standen auf dem Programm. Alle hervorragend ausgesucht und perfekt organisiert. Dabei stellte sich bereits früh heraus, das die Anreise zu den Sonderprüfungen ganz hervorragend funktionierte. Im Gegensatz zur Monte, wo es meist nur eine einzige und hoffnungslos überfüllte Zugangsstrasse gibt, liefen die Transfers in Finnland reibungslos. So gut wie keine Staus, dafür aber ein paar Fußwege 20150801_090013durch Matsch und nasses Unterholz. Aber so etwas gehört nun einmal dazu. Der Besuch einer finnischen Rallye-WP ist schließlich kein Kindergeburtstag. Obwohl ich durchaus diesen Eindruck gewinnen konnte. Mit Kind und Kegel waren die Finnen unterwegs und feierten Familienfeste, bevor überhaupt das erste Rallyeauto den Abschnitt passierte. Selbst die Kleinsten hatten ihren Spaß und liessen mit lauten ‚Brummm Brummm‘ ihrer Begeisterung freien Lauf. Herrlich auch der Bauer auf der Horrka1-WP, der seinen drei Jüngsten ein Sofa auf die Traktorgabel schraubte und die lieben Kleinen dann hydraulisch auf Höhe brachte. Drei Meter über den Menschenmassen hatten die finnischen Kids die mit Abstand beste Aussicht und jubelten den Rallyeautos zu. Wenn auch mit VW-Fähnchen! Aber das war sicher nur Zufall! Die Faszination Rallye Finnland packte zu und das die Landschaft um uns herum wirklich naturbelassen war, ließ sich sogar ganz offiziell feststellen. Plötzlich herrschte Bärenalarm, wenn auch nur auf der WRC-App. Dort machte eine Nachricht die Runde, das eine Bärin mit zwei Jungen den Zeitplan der Horrka2-WP ein wenig durcheinander wirbeln könnte. Doch das sollte uns erstmal nicht stören. Horrka2 war noch weit weg, vor uns lag Jäsmä und ein Mittagessen in ganz speziellem Ambiente.

20150801_140611Willi Hirvis Ravintola in Jäsmä gehörte an diesem Samstagmittag komplett uns. Nicht schlecht, so blieb Zeit, sich dieses Restaurant ein wenig näher anzuschauen. Denn mitten drin lag die Bar, Pikis Pub genannt, schön stylisch im Stil der späten Siebzierjahre. Und die war randvoll gefüllt mit Rallyedevotionalien der allerersten Güte! Overalls von Hannu Mikkola, dazu Felgen, Helme, komplette Federbeine und jede Menge historischer Fotos. Und über allem trohnten Erinnerungsstücke von Tommi Mäkinen, jenem vierfachen Rallyeweltmeister, der in Jyväskylä aufwuchs und der ab 2017 als Teamchef von Toyota wieder in die WRC zurück kommt. Keine Frage, der Pub in Willi Hirvis Restaurant geniesst Heldenstatus und sollte bei keiner Reise zur Rallye Finnland fehlen. Selbst wenn das Parken vor dem Restaurant nur Taxen und Rallye-Autos gestattet ist. Es lohnt sich unbedingt, hier mal vorbeizuschauen! Wir waren auf jeden Fall gestärkt für das nächste Abenteuer…

MMF_1771Eine Sonderprüfung mitten im Wald, dazu Nieselregen und Steinewerfer! Unser Hyundai-Tourguide Christophe hatte sich für den Tagesabschluß eine wirklich spektakuläre Stelle ausgesucht und es brauchte nur wenig Überredung um die Gruppe auf einen Waldspaziergang einzuschwören. Nach einem kleinen Sprung über einen Wassergraben ging es querfeldein durch dichtes Gehölz, über Wurzeln, Beeren, Äste, immer die Geschichte mit dem Bären im Hinterkopf, der wenige Stunden zuvor auf der gesichtet wurde. Doch Rallyefans haben Mut und plötzlich war unser verwegenes Häuflein am Ziel. Mitten im dichten Wald, gerade einmal nen Meter weg von dem Pfad, auf dem kurze Zeit später Ogier, Neuville und Co. vorbeidonnern würden. Doch es sollte noch besser kommen. Der Regen kam zurück und machte aus dem schmalen Schottersträßchen eine unberechenbares Piste. Unberechenbar auch für uns, denn nachdem uns die ersten WRC-Autos mit Vollgas passierten, machte sich jenes seltsame Gefühl breit, das ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte. Je mehr Autos an uns vorbeischossen, umso intensiver wurde der Beschuß. Steinchen und Steine, selbst größere Brocken aus Schlamm prasselten auf uns ein. Je heftiger die Piloten die Passage passierten, um so massiver wurden die Einschläge.

Die besten Steinewerfer: Martin Prokop, Lorenzo Bertelli und Robert Kubica! Das war Zuschauen hautnah mit Adrenalin pur und spektakulären Bildern! Rallye Finnland At Its Best! Nicht zu toppen! Oder etwa doch?

20150802_144414Die Rückfahrt ins Rallyezentrum folgte am frühen Abend. Die Einladung in die Hyundai Hospitality stand an. Grund genug, vor dem Betreten des VIP-Floors wenigstens den gröbsten Dreck von den Schuhen zu entfernen. Das gelang sogar ziemlich gut, mit kräftiger Unterstützung eines heftigen Regenschauers! So waren wir dann doch alle froh, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben. Ein ziemlich luxuriöses sogar, denn die Hyundai-Hospitality hat wohl den größten Bewirtungsbereich, der jemals in der WRC gesehen wurde. Das imposante Glasfront-Gebäude misst über 1.000 Quadratmeter und beinhaltet im Erdgeschoß drei Indoor-Service-Bays für die Rallyeautos und Büros für die Techniker. Im ersten Stock gibt es feinstes Catering, rund um die Uhr Getränke, Konferenz­räume, Arbeitsmöglichkeiten und jede Menge Bildschirme, um das Rallye-Geschehen live vor Ort zu verfolgen. Eine vergleichbar im­posante Hos­pitality transportiert derzeit kein anderes Rallye-Team um die Welt. Kehren die Fahrer von ihren Wertungsprüfungen zurück, sind sie sofort für die Fans da. Autogramme und Selfies Ehrensache. Gänsehautmomente inklusive.

20150802_152136Eine fantastische gute Stube, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Immerhin ist die mobile Struktur mit zwei Etagen so groß, dass ein Technikerteam fünf Tage braucht, um die komplette Anlage aufzubauen. Doch so richtig imposant wirkt die Hyundai-Hospitality erst von innen. Hochmodernes Design bis ins letzte Detail und eine Kombination aus Gastronomie und Technik, die für die Rallye-WM wegweisend ist. Wir fühlten uns vom ersten Augenblick an wohl. Genossen den Ausblick, das Essen, die Getränke und die Gespräche mit den Verantwortlichen des Hyundai Shell World Rally Teams. Team Manager Alain Penasse liess es sich nicht nehmen, mir einen Ausblick auf die Zukunft des Teams zu geben. Schließlich steckt Hyundai zur Zeit mitten in der Testphase für den i20 WRC des Jahrganges 2016. Neuer Motor, mehr Drehmoment und eine neue Kraftübertragung sind nur einige der zahlreichen Verbesserungen, mit denen Hyundai im kommenden Jahr den Angriff auf den WM-Titel einleiten will. Der i20 WRC des Jahrganges 2016 wird komplett neu aufgebaut und das nur für eine Saison. Denn gleichzeitig denkt das Team bereits an das Auto für 2017, das mit dem neuen Reglement viel spektakulärer daherkommt als die WRC-Autos der Jahrgänge 2015 und 2016.

Es gab also viel Gesprächsstoff rund um die laufende Saison, die Vorbereitungen für das nächste Jahr und den mit Spannung erwarteten Reglementwechsel 2017, der mit einem weiteren Gegner aufwartet: Toyota kommt zurück und das mit Macht! Teamchef Tommi Mäkinen hat in einem Vorort von Jyväskylä bereits einen hochmodernen Workshop eröffnet. Die Anlage hat nur ein Ziel: Die WRC-Autos der Zukunft zu produzieren! Der Gegner für Hyundai und Volkswagen steht bereits in den Startlöchern. Fazit: Ein hochspannender Abend in der Hyundai-Hospitality, der nach der Ankunft im Hotel noch ein bisschen weiter gehen sollte.

Doch dazu dann in Kürze mehr im zweiten Teil der Chroniken von Jyväskylä!

alle Fotos (c) Michael Minelli, Stephan Kremer